Route 3 Britz - August-Heyn-Gartenarbeitsschule

August-Heyn-Gartenarbeitsschule August-Heyn-Gartenarbeitsschule

„Wir aber [...] suchen, wohl bedenkend, daß der Mensch sein ganzes Leben lang lernen soll, den Schulgarten“ schreibt der Feuilletonist Friedrich Tietz in seinen 1854 publizierten „Bunten Erinnerungen“ . Das ist kein Hinweis auf die versteckt in einem Park liegende August-Heyn-Gartenarbeitsschule an der Fritz-Reuter-Allee, weist aber darauf hin, dass solche Einrichtungen – seien es Schulgärten, Gartenschulen oder Gartenarbeitsschulen – in Berlin auf eine lange Tradition zurückblicken und auf ein wechselhaftes Schicksal: Den ersten Berliner Schulgarten hat Johann Julius Hecker (1707-68) gegründet. Ein Prediger und Schulinspektor, der u.a. Comenius‘ ganzheitliche Pädagogik studiert hatte und in der Folge nicht nur einen neuen Schultyp – die Realschule – ins Leben rief, sondern auch neue Methoden anwandte. Dazu gehörte das Projekt „Schulgarten“. Die Unterstützung Friedrichs des Großen für dieses Vorhaben hatte Hecker nicht zuletzt mit dem Versprechen erreicht, den Schülern auch die Anlage und Pflege von Maulbeerplantagen für den Seidenbau beizubringen.

Dieser erste Schulgarten war ein Kind der Aufklärung und des Merkantilismus. Beides war Ende des 18. Jhs. nicht mehr angesagt. Heckers Schulgarten verkam, genauer: Er entwickelte sich zu einer Art „Epikuräischer Gartenschule“ oder in Tietz‘ Worten: „Der Schulgarten war das Amüsements-Alpha und Omega der Berliner Mittelklasse“. Und das war nicht seine letzte Bestimmung: 1827 soll sich gar eine „curiose Colonie“ hier angesiedelt und ein „Reich des Uebermuths“ gegründet haben. Es existierte einen Sommer lang. Danach scheint dieser besondere Schulgarten endgültig verschwunden zu sein, nicht aber die Idee im Allgemeinen. Um die Jahrhundertwende setzte eine politische Bewegung ein, die Lebensreform, Naturverbundenheit, Gemeinschaft, soziales Engagement und vor allem eine Erziehung verlangte, die Lebensnähe, Selbsttätigkeit, freies Gespräch, Lernen durch Erleben und Handeln garantierte.

August-Heyn-Gartenarbeitsschule August-Heyn-Gartenarbeitsschule

Zu diesen Reformpädagogen zählte auch August Heyn (1879-1959), Sozialdemokrat und von 1899 bis 1924 Lehrer und Schulleiter in Neukölln. 1915, im ersten Kriegsjahr, hatte er bereits freiwillige Schulkolonien gegründet, motiviert vermutlich in erster Linie durch drohende Lebensmittelknappheit. Nachdem die erste Republik ausgerufen war und Sozialdemokraten regierten, hielten die Reformideen der Kaiserzeit Einzug in die Realpolitik. 1919 beschloss der Neuköllner Magistrat, sechs Gartenarbeitsschulen einzurichten. Die erste wurde im folgenden Jahr eröffnet - noch vor der Reichsschulkonferenz, auf der Reformpädagogen ihre Konzepte für „Arbeitsschulen“ vorstellten. August Heyn war zu diesem Zeitpunkt bereits Leiter der „Gartenarbeitsschule am Teltowkanal“, und bald folgte seine Publikation „Die Gartenarbeitsschule“ (1921), in der seine Vorstellungen über praxisnahe Erziehung dargelegt sind.

Nach dem Anbruch der nationalsozialistischen Ära waren die Einrichtungen zwar materiell noch vorhanden, die Ideale jedoch verschwanden bzw. wurden ideologisch pervertiert. Auch nach Kriegsende hatte reform-pädagogisches Gedankengut kaum noch Chancen. Wissenschaft zählte und dementsprechend verwissenschaftlichter Biologieunterricht. Die Ökologie-Bewegung der 1970er erst ließ August Heyns Arbeitsschulgedanken wieder aufleben. So wurde die (1958 auf Äckern des ehemaligen Rittergutes Britz eingerichtete) Gartenarbeitsschule nicht nur nach ihm benannt, sondern ihre Pädagogik auch von ihm inspiriert. Hier sind 3,3 ha Platz für Sträucher, Bäume, Blumen, Kräuter, Gemüse und Getreide, für Wasser- und Bodentiere, für Vögel, Füchse, Kaninchen, Schafe und selbstverständlich für junge Menschen, die hier Natur erleben und praxisorientiert lernen und begreifen.

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